70 Jahre Theater in Ratten • Besinnlich mit dem Bockerer

Aus Anlass des heurigen mehrfachen Gedenkjahres kehrte die Theatergruppe Ratten heuer der leichten Muse den Rücken und wagte sich mit angemessenem Respekt an das aus Franz Antels Verfilmung mit Karl Merkatz bestbekannte Bühnenstück „Der Bockerer“ heran, galt es doch nicht nur des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 zu gedenken, sondern gab es auch ein eigenes Jubiläum zu feiern: 70 Jahre Theater in Ratten.
Dieses Jubiläum wurde übrigens mit einer umfangreichen Ausstellung von Fotos, alten Plakaten und Zeitungsausschnitten gewürdigt, die in chronologischer Reihenfolge die insgesamt fünf virtuos gelungenen und vom Publikum begeistert aufgenommenen Aufführungen – die Premiere am Abend des Ostersonntags war ausverkauft, die Vorpremiere am Nachmittag gut besucht und außerdem, wie schon im Vorjahr von Bischof Wilhelm Krautwaschl beehrt – in der Mehrzweckhalle Ratten umrahmten. Die Sorge Franz Derls und seines Ensembles vor der Erwartungshaltung des Publikums, wie würde „ihr“ Publikum die Abkehr von der leichten Muse aufnehmen, war absolut unbegründet.
Und auch das Stück selbst feiert seinen 70. Geburtstag, wurde es doch im Oktober 1948, nachdem Friedrich Torberg zuvor vergeblich auf urheberrechtliche Abstammung von seinem 1939 kreierten Hrn. Neudinger geklagt hatte, eine Figur, die Autor Ulrich Becher aus gemeinsamer Exil-Kabaretts-Tätigkeit allerdings bestens kannte, in Wien uraufgeführt.
Eine Theateraufführung zeigt übrigens auch, dass Franz Antel in seiner Verfilmung der Szenenfolge im Stück verhältnismäßig genau – wenn auch ein wenig erweitert – gefolgt ist. Damit darf der Inhalt als vollständig bekannt vorausgesetzt werden, für das Ensemble ergibt sich eine weitere Herausforderung: sie werden in ihren Rollen an Österreichs TV-Lieblingen gemessen!
„Der Bockerer“ wurde in Ratten von Franz Derl unter der Beratung von Christian Ruck mit einer großen emotionalen Bandbreite inszeniert, ergreifende Szenen, ohne Pathos oder falsche Sentimentalität, wechseln mit unverblümter Heiterkeit, die gesamte Bandbreite menschlichen Lebens in einer Welt, die von einem unbarmherzig bis in die intimsten Winkel des Alltags eindringenden autoritären Regime geprägten wird, tritt auf die Bühne und verleiht dem Spiel jene authentische Atmosphäre, die das Publikum in eine beklemmende Stimmung versetzt, auch jene, die keine Erinnerung an diese Zeiten haben, auch nicht aus zweiter oder dritter Generation.
Mit ausdrucksstarker Wandlungsfähigkeit und wuchtiger Bühnenpräsenz mitunter auch in mehreren Rollen nimmt die Theatergruppe Ratten ihr Publikum mit auf eine Zeitreise, die keineswegs ohne Unterhaltungswert ist, von der man aber nur zu gerne zurückkehrt – ein veritables Lehrstück Zeitgeschichte, das hier von einem Laienensemble mit großer Professionalität auf die Bühne gebracht wurde!
Mag. Herbert Kampl

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